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Matthias als Volunteer in Idomeni.
(April 2016)

 

 

 

"All that is necessary for the triumph of evil is that good men do nothing."

Edmund Burke

 

 

Abschied

 

Es war mir eine Ehre, so vielen freundlichen, tüchtigen und spannenden Menschen begegnen und gemeinsam ein Hungern in unserem Quartier im Camp von Idomeni verhindern zu können.

Es ist unglaublich schade um die wertvolle Zeit, in der qualifizierte Fachkräfte wie Ärzte Fladenbrot backen, Elektro-Ingenieure Essen zubereiten oder Medizintechniker Zigaretten verkaufen. 

Es ist tragisch um die Kinder, die wertvolle Schulzeit verlieren.

Das macht mich traurig. Gleichzeitig war mein Einsatz ein sehr schönes Erlebnis und eine Bestärkung in meiner Überzeugung, dass Menschen gemeinsam die grössten Herausforderungen meistern können. Und dass die Zahl der Menschen, die sich für andere einsetzen, unschätzbar gross ist.

Ich habe unter anderem zwei weitere Volunteers aus der Schweiz kennengelernt: Hannes und Martina.

 

Hier Ihr Abschieds-Email an das derzeitige borderfree-Team:

"Schade, dass unser Einsatz schon vorbei ist! 7 Tage durften wir zum Borderfree Dreamteam in Idomeni gehören. Kopf und Herz sind so voller Eindrücke, dass wir noch lange daran verdauen werden.

 

Fantastisch, was das Küchenteam jeden Tag auf die Beine stellt! Mirvat aus Syrien kocht jeden Mittag und Abend aus einfachen Zutaten leckere, nahrhafte, würzige Gemüsesuppen in Riesenmengen. Die Borderfree Volunteers kümmern sich um günstigen Einkauf von Material und Lebensmitteln, damit möglichst viele Menschen satt werden können. Echt toll organisiert!

 

Und  alle zusammen - Borderfree Leute und unsere Freunde aus Syrien, Irak und anderen Ländern  - sorgen rund um die Uhr fürs Rüsten, Aufräumen, Putzen, Abwaschen, Teekochen, fürs Organisieren der Essensausgabe. ...Alles auf engem Raum unter Zeltlagerbedingungen mit viel Improvisation und Geschick. Dabei hatten wir's meist lustig zusammen!  Immer wieder fangen vor allem die jungen Mitarbeiter aus Syrien an zu singen oder zu tanzen. ...

Fantastisch, was im ganzen Lager an freiwilligem Engagement geleistet wird! Heute kamen 2 Zahnärzte aus Spanien, haben sich von uns Kübel ausgeliehen und eine Freiluftpraxis aufgemacht. 

Und echt beeindruckend, wie viele Flüchtlinge versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen - unter grausam schwierigen Umständen! 

Wir wünschen dem Borderfree Team weiterhin gute Zusammenarbeit und ausreichende Unterstützung durch Spenden und Freiwillige! Und wir wünschen den Flüchtlingen, dass ihnen bald eine menschenwürdige Zukunft  ermöglicht wird.

Hännes und Martina"

Dem ist nicht mehr viel anzufügen. Danke für Euer/Ihr Interesse an meinem Einsatz in Idomeni.

 

Menschen

Mein Dank an all die Freiwilligen welche, zum Teil unter grosser persönlichen Aufopferung, sich für die Menschen in Idomeni einsetzen.

 

Es ist beeindruckend wie gross die internationale Solidarität aus allen möglichen Ländern ist.

 

Ich selber bin Griechen, Serben, Spaniern, Deutschen, Österreicher, Tschechen, Chinesen, Franzosen, Isländern, Amerikaner, Italiener, Briten, Türken, Norwegern, Schweden, Dänen, Schweizern und Frauen wie Männern mit vielen weiteren Nationalitäten begegnet.

 

Es ist unglaublich, was die verschiedenen Einzelpersonen und die diversen kleinen und grossen Organisationen vor Ort leisten. 

Der erste Schritt für ein friedliches Zusammenleben sind diese persönlichen Begegnungen - das gegenseitige Füreinander Einstehen.

Meine Hochachtung vor diesen Menschen und vor jedem dieser Einsätze.

Vielen Dank.

Unter all den Volunteers waren zahlreiche Flüchtlinge. Viele von Ihnen sind gesuchte Fachkräfte und Spezialisten. Ingenieure, Ärzte, Medizintechniker, Kommunikationscoaches, Eventveranstalter usw. Sie alle schauen in eine ungewisse Zukunft. Schwierig, hier nur zuzuhören, zuzuschauen und nichts weiteres zu tun als dafür zu sorgen, dass sie wenigstens nicht hungern müssen.

Fotos vom Lager, von Volunteers und dem Miteinander:

 

Anreise

Mo, 11.4.2016 (persönliche Notizen, Matthias Spühler)

Frühmorgens Flug ab Zürich Flughafen nach Skopje und von dort mit dem Mietauto nach Idomeni. Während der ca. 3-stündigen Fahrt überholen immer wieder Fahrzeuge des Schweizerischen Roten Kreuzes, von Médécins Sans Frontières... es muss etwas los sein.

Fahrt bis nahe zum Bahnhof Idomeni. Die umliegende Region und die weiten Felder.. alles sieht sehr verschlafen aus.

Dann plötzlich häufen sich Menschen und Fahrzeuge, etwas weiter sind viele Zelte sichtbar.

Ich parkierte das Auto und ging nun auf die ersten Häuser am Bahnhof zu.

 

Einsatz

Die Organisation hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Nach einigen Berichten und Interviews entschied ich mich, als Volunteer für zwei Wochen in Idomeni meinen persönlichen Beitrag zu leisten.

Website-Statement der borderfree association:

"Was sind Grenzen? Was schon Kindern schwer fällt zu verstehen, versuchen wir zu überwinden: Wir wollen keine Grenzen in den Köpfen, keine Grenzen in den Herzen. Unser humanitäres Engagement soll grenzenlos sein – borderfree"

Portrait: Bericht in der Schweizer Illustrierten (Ausgabe April/Mai 2016)

Es war mir eine Ehre, so vielen freundlichen, tüchtigen und spannenden Menschen begegnen und gemeinsam ein Hungern in unserem Quartier im Camp von Idomeni verhindern zu können. Es ist unglaublich schade um die wertvolle Zeit der zahlreichen qualifizierten Fachkräfte wie Ärzte, Elektro-Ingenieure oder Medizintechniker - Männer wie Frauen. 

Es ist tragisch, dass so viele Kinder die wertvolle Schulzeit verlieren. Traurig, dass so viele Familien täglich neu um Perspektiven kämpfen müssen.

Eindrücke aus der Organisation und Improvisation vor Ort - Bilder der Organisation, Hinweisschilder, Warnungen:

 

Je weiter ich in das Gebiet hinein gehe, um so mehr selbstgebaute Unterkünfte sehe ich. Diese sind überall zu finden und alles wird verwendet, um Unterkünfte zu bauen. Die meisten sind aber wirklich nur einfache Zelte wie direkt vom Openair.

Vorbei an WC-ToiTois erreiche ich das borderfree-Zelt. Vanja steht draussen und unterhält sich.

Ich stelle mich vor und wir unterhalten uns kurz. Schon muss sie dann mit einem Journalisten-Team der "Schweizer Familie" weg.

Ich gehe ins Zelt, stelle mich vor und fange mal an abzuwaschen ;-)

 

Dann entsteht Aufregung ...

Kurz nach Ankunft: Der Aufstand

Mo, 11.4.2016 (10:24)

Eine grössere Menge von Flüchtlingen hat anscheinend einen Durchbruchs-Versuch an der Grenze versucht. Die mazedonische Polizei / Grenzschutz schlägt mit Tränengas und Gummischrot zurück.

Das in einer Intensität, dass Tränengas direkt in die Zelte der weiter vorne lebenden Flüchtlinge fliegt. Dort befinden sich viele Frauen und Kinder.

Chaos bricht aus.

Wir verarzten Menschen, die direkt in unser Zelt gebracht werden. Zwei Elternpaare mit einem Baby, alle haben gefährlich viel Tränengas abbekommen.  Immer mehr Betroffene kommen bei uns ins Zelt.

 

Wir schneiden Zitronen und bringen diese direkt nach vorne zu den Flüchtlings-Zelten, damit die Leute sich diese als Gegenmittel ins Gesicht streichen können.

 

Nach einer Weile legt sich die Aufruhr und es wird ruhig. Glücklicherweise beginnt es zu regnen. Das vertreibt das Tränengas etwas schneller.

Ich beginne mit Gemüserüsten für die nächste Mahlzeit...

Später am Abend nimmt mich das Team mit in ein Restaurant in Polikastro, ca. 20 km südlich von Idomeni. Die Fülle des Essen erschlägt mich und ich brauche eine Moment nach dem soeben Erlebten. Das Essen und die Gespräche tun dennoch gut.

Spät am Abend fahren wir zurück nach Idomeni, zum von borderfree gemieteten Volunteer-Haus. Dort treffe ich weitere Volontäre.  Wo ein Zimmer oder Bett frei ist kann mir gerade niemand sagen. Irgendwann werde ich fündig. Erwartungsvoll und eigentlich noch nicht wirklich müde, gehe ich schlafen..

Eindrücke des ersten Tages:

Erlebnisse und Eindrücke

 

21.4.2016 (via facebook)

Es war eine Ehre, so vielen freundlichen, tüchtigen und spannenden Menschen begegnen und gemeinsam ein Hungern in unserem Quartier im Camp von Idomeni verhindern zu können.


Wir produzieren täglich mehr als 2'000 Essensrationen und 24 Stunden Tee mit nur 800.- Euro, das sind 0.4 Euro pro Ration.

Es ist immer zu wenig Zeit. Die meisten sind mit sehr wenig Schlaf fast rund um die Uhr im Einsatz.

 

Es ist schwer zu gehen, ohne zu wissen, dass diese Menschen - neue Freunde - in Sicherheit und mit einer echten Zukunftschance da stehen.

Bitte unterstützt unsere Arbeit, damit wir auch weiterhin zusammen mit den Flüchtlingen genügend Essen zubereiten können. 


800.- für einen Tag  -  5'600.- für eine Woche  -  24'000.- für einen Monat  www.border-free.ch  

Jede Spende ist willkommen !  Vielen Dank.

19.4.2016 (via facebook)

So viele Menschen hängen hier fest. Es ist so schade um die wertvolle Zeit, in der ausgebildete Fachkräfte wie Ärzte Fladenbrot backen, Elektro Ingenieure Essen zubereiten oder Medizintechniker Zigaretten verkaufen. 


Es ist tragisch um die Kinder, die wertvolle Schulzeit verlieren. 


Bei sicheren und stabilen Rahmenbedingungen wäre ein Wiederaufbau in Syrien mit diesen Menschen jederzeit machbar.

18.4.2016 (persönliche Notizen)

Der Morgen fing ganz ruhig an - plötzlich stand eine Gruppe von aufgeregten Kindern mitten im Zelt.

Sie hatten eine Schlange im Abfall gefunden, zum Glück war diese bereits tot!

 

Wir hören, dass diese Schlangenart nicht giftig ist, jedoch kommen nun immer häufiger Tiere auf der Suche nach Essensresten und Wasserlachen ins Camp.

 

Bald ist wieder Abwasch angesagt und mein Kollege, Salam, reinigt gerade den grossen Tee-Behälter.

Natürlich sind wir umringt von vielen Kindern, die helfen wollen ... Der Wasserschlauch ist besonders spannend.

So kam eines zum andern und Salam spritzt zuerst die Kinder nass und dann immer grössere Kinder ... Lachen hilft immer wieder, die aktuelle Situation kurz zu vergessen. Das tut Kindern und Erwachsenen gut!

14.4.2016 (persönliche Notizen)

Meine Morgenschicht startete ganz normal. Plötzlich waren sehr sehr tiefe und laute Helikopter-Geräusche zu hören. Militärhelikopter!

Apaches überfliegen das Camp mehrfach und ein grosser Truppentransporter landet ganz in der Nähe. Kurz darauf überfliegen Kampfjets im Tiefflug das Camp mehrfach.

Wir rechnen mit dem Schlimmsten und viele der Flüchtlinge brechen in Tränen aus. Panik ist spürbar, Angst.

Als Volunteers können und dürfen wir nichts tun, ausser auf das Beste zu hoffen.

 

Um Normalität reinzubringend, startete ich mit Mervat die Planung für den nächsten Tag - Einkaufsliste erstellen. Sie ist dankbar für die Ablenkung.

 

Der Rest vom Tag war eine sehr ruhige Normalität.

Viel später denken wir, die Übung hatte wohl Zusammenhang mit dem Tag meiner Ankunft. Abschreckung? Machtdemonstration?

11.4.2016 (via facebook)

So schlimm und unnötig die Situation hier ist, die Begegnungen und das gemeinsam Beste daraus zu machen, sind einfach nur beeindruckend. 


Es ist eine Kombination von grösseren und vielen kleinen Initiativen, welche das Leben hier erträglich machen. 


Wir von www.border-free.ch leisten unseren Teil für eine minimale Versorgung mit Essen. Pro Tag geben wir bis zu 2'000 Essens-Portionen aus unserer kleinen Küche aus. Dabei sind wir nur eine von vielen Stellen.

Falls Ihr was tun wollt, der Spenden Knopf auf der Webseite hilft direkt und unkompliziert: www.border-free.ch

Eindrücke, Fotos... inkl. Wasserschlacht und Armeeeinsatz: